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Weiterbauen an einem Haus mit Geschichte

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Sanierung eines Mehrfamilienhauses in der Gerechtigkeitsgasse, Bern
Die Gerechtigkeitsgasse liegt im Herzen der Unteren Altstadt von Bern und damit innerhalb des UNESCO-Weltkulturerbes. Die schmalen Parzellen, die historischen Fassaden und die über Jahrhunderte gewachsenen Gebäudestrukturen prägen diesen besonderen Ort. Entsprechend anspruchsvoll war die Sanierung dieses Mehrfamilienhauses, dessen Geschichte bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht.
Im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss befindet sich heute das asiatische Restaurant Fugu. Zuvor war hier während langer Zeit das traditionsreiche «Nidegg-Stübli» angesiedelt. Es war für seine aussergewöhnlichen Fleischspezialitäten bekannt – darunter Gerichte wie Stierhoden, die andernorts kaum noch angeboten wurden.
Die oberen Stockwerke wurden teilweise als Neben- und Serviceräume des Restaurants genutzt. Daneben befand sich dort die Wohnung eines älteren Bewohners. Nach dessen Tod entschieden sich die Erben, die teilweise leer gewordenen Räume zu mehreren Wohnungen umzubauen und dem Haus damit eine neue Zukunft zu geben.
Eine vielschichtige Baugeschichte
Zu Beginn des Projekts stand eine sorgfältige Analyse des Bestandes. Gemeinsam mit der Denkmalpflege, Restauratoren und weiteren Fachspezialisten untersuchten wir die vorhandene Bausubstanz und erarbeiteten Pläne, welche die komplexe Baugeschichte des Hauses nachvollziehbar machen sollten.
Dabei zeigte sich, dass das Gebäude seit dem 15. Jahrhundert unzählige Male verändert worden war. Neue Bauteile waren häufig ohne Rücksicht auf die bestehende Konstruktion eingefügt worden. Wände, Decken, Balken und Installationen bildeten ein schwer lesbares Gefüge aus unterschiedlichen Jahrhunderten.
Mit dem schrittweisen Freilegen der Tragstruktur wurde das ganze Ausmass dieser Eingriffe sichtbar. Hinter den Oberflächen kam ein regelrechtes konstruktives Chaos zum Vorschein. Teile des Gebäudes waren statisch derart geschwächt, dass ohne umfassende Sicherungsmassnahmen langfristig eine erhebliche Einsturzgefahr bestanden hätte.
Besonders eindrücklich war der Zustand der wertvollen barocken Strassenfassade: Sie war nur ungenügend mit dem dahinterliegenden Gebäude verbunden. Bereits bei einem mittleren Erdbeben hätte die Gefahr bestanden, dass sich Teile der Fassade lösen und auf die Gerechtigkeitsgasse stürzen. Die historische Fassade musste deshalb sorgfältig gesichert und dauerhaft mit der Tragstruktur verbunden werden.
Das Haus wieder ins Gleichgewicht bringen
Auch die Geschosse wiesen aussergewöhnlich starke Verformungen auf. Auf einer Gebäudelänge von rund zwölf Metern betrugen die Niveauunterschiede teilweise bis zu 25 Zentimeter. Da das Tragwerk für die statische Sanierung ohnehin weitgehend freigelegt werden musste, konnten die Decken neu ausgerichtet und wieder annähernd in die Horizontale gebracht werden.
Auf dieser konstruktiv gesicherten Grundlage entstanden neue Wohnungen, welche heutigen Anforderungen entsprechen und zugleich die Geschichte des Hauses weiterhin ablesbar lassen.
Einfachheit als gestalterisches Prinzip
Unser Ziel war keine luxuriöse Rekonstruktion eines vermeintlich idealen historischen Zustands. Das Gebäude war nie ein repräsentatives Wohnhaus für eine wohlhabende Bewohnerschaft. Es war über Jahrhunderte ein Gebrauchs- und Lebensort mit Restaurantbetrieb, einfachen Wohnungen und unterschiedlichsten Nutzungen. Während einer gewissen Zeit befanden sich in den oberen Geschossen auch Zimmer eines Bordellbetriebs, die später zu Wohnräumen umgebaut wurden.
Diese soziale und bauliche Geschichte sollte bei der Sanierung nicht verdrängt werden. Wir entschieden uns deshalb für einen zurückhaltenden Ausbau mit einfachen, robusten Mitteln. Die historische Substanz wurde gesichert, freigelegt und wieder lesbar gemacht, ohne sie durch kostspielige historisierende Schreinerarbeiten oder imitierte barocke Bauteile zu verfälschen.
Neue Einbauten geben sich bewusst als solche zu erkennen. Insbesondere die Küchen und weitere moderne Elemente bilden einen klaren, ruhigen Kontrast zur historischen Bausubstanz. Alt und Neu treten miteinander in einen Dialog, ohne einander zu imitieren.
So wurde das Haus nicht in einen früheren Zustand zurückversetzt, sondern aus seiner Geschichte heraus weitergebaut. Die Sanierung bewahrt seine Spuren, behebt die konstruktiven Gefahren und schafft zugleich zeitgemässen Wohnraum. Auf diese Weise erhält das über Jahrhunderte gewachsene Gebäude ein neues Leben – und bleibt dennoch unverkennbar es selbst.
Der Bau
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